Digitales Deutschland - endlich aufgewacht?

Wie sich die digitale Schlafmütze auf den Weg zum Digital Leadership macht

Einführung
Verschläft Deutschland die digitale Transformation oder handelt es sich nur um eine allgemeine Panikmache und wir befinden uns auf einem guten Weg? Diese Frage wird seit mehreren Jahren kontrovers diskutiert und kann nur differenziert beantwortet werden: Versteht man unter digitaler Transformation die Computerisierung, das Aufsetzen von digitalen Projekten oder innovativen Industrie 4.0-Technologien, dann kann die Frage eindeutig mit "Nein!" beantwortet werden. Deutschland ist eine der führenden Nationen in diesem Feld, dem "Digitizing" von Produkten, Dienstleistungen und Prozessen. Versteht man allerdings digitale Transformation als "Digitalization", also als tiefgehende Digitalisierung der Struktur, Kultur und Prozesse von Unternehmen, dann kann Deutschland nur als Schlafmütze bezeichnet werden.

Im weitreichenden Aufbau einer digitalen Ökonomie, dem radikalen Hinterfragen von Geschäftsmodellen und der konsequenten Ausrichtung des Business an sich rasant verändernde Konsumenten und Märkten hinkt Deutschland anderen führenden Wirtschaftsnationen hinterher und ist weit von einem Status als "Digital Leader" entfernt. Die spannende Frage ist nun, ob Deutschland gerüstet ist, die tiefgehende digitale Transformation ("Deep Digitalization") in diesem ökonomisch und wettbewerbsrelevanten Sinne rechtzeitig zu verstehen und entsprechend umzusetzen. Dabei geht es um weit mehr als nur um Technologie: die politischen Rahmenbedingungen, die digitale Führung des Landes sowie die Gestaltung von Gesetzen, Ausbildungs- und Arbeitsmodellen sind ebenso entscheidend. In allen Bereichen besteht ein großer Handlungsbedarf, um die tiefgehende Digitalisierung nicht zu verschlafen und anderen Nationen das Feld zu überlassen.

Hyper, Hyper: Disruption ist nicht neu, die Geschwindigkeit schon
Schaut man sich betriebswirtschaftliche Artikel der letzten 20 Jahre an, fällt auf, dass in jedem Jahr in der Einführung jeweils von "ständig zunehmender Dynamisierung" oder "kürzer werden Innovations- und Produktzyklen" gesprochen wird - ähnlich wie das Waschmittel, das jedes Jahr weißer wäscht. Daher ist verständlich, dass sich bei der viel zitierten Geschwindigkeit der Digitalisierung bei dem ein oder anderen eine gewisse Immunität gegen das Thema eingeschlichen hat. Dass wir tatsächlich einer nie dagewesenen Dynamik ausgesetzt sind, illustriert Abb. 1: Auf der historischen Zeitachse wird die rasante Geschwindigkeit der "Digital Hyper Innovation" bei gleichzeitig steigender Auswirkung auf Unternehmen, Märkte und Gesellschaft deutlich. Zur Konkretisierung soll die Entwicklung der künstlichen Intelligenz ("Artificial Intelligence", AI) als einer der wesentlichen Treibertechnologie beispielhaft dargestellt werden. Das vielzitierte Beispiel des AI-Systems AlphaGo, das Anfang 2016 den koreanischen Weltmeister in "Go" (das älteste Brettspiel der Welt) geschlagen hat, ist ein eindrucksvolles Beispiel für die rasante Entwicklungsgeschwindigkeit, insbesondere wenn man sich die Weiterentwicklung und Erfolge in 2017 anschaut.

Das Spiel begann 1996, als das AI-System "Deep Blue" von IBM den amtierenden Weltmeister in Schach, Kasparow, geschlagen hat. In der Öffentlichkeit als einer der AI-Durchbrüche gefeiert, hielt sich die Begeisterung unter den AI-Experten in Grenzen: Das System hätte schließlich im Sinne des Maschinellen Lernens recht mechanisch und eben wenig intelligent Erfolgsmuster in Tausenden von gespielten Schachpartien entdeckt und diese dann einfach schneller als ein Mensch dies je könnte in Echtzeit angewandt. Die Experten forderten stattdessen die AI heraus, den Weltmeister in dem Brettspiel "Go" zu schlagen. Dies hätte dann das Attribut "intelligent" verdient, da Go um ein vielfaches komplexer als Schach sei und zudem ein hohes Maß an Kreativität und Intuition erfordere. Namhafte Experten prognostizierten für diesen neuen AI-Meilenstein eine Entwicklungszeit von ca. 100 Jahren. Doch bereits im März 2016 gelang es der Firma DeepMind (jetzt zu Google gehörig) den amtierenden Go-Weltmeister mit AI zu schlagen.

Anfang 2017 bracht das Unternehmen mit Master eine neue Version von AlphaGo, die nicht nur 60 sehr erfahrene Go-Spieler geschlagen hat, sondern auch die gerade einmal von einem Jahr hoch gejubelte erste Version des Systems besiegt hat. Und noch mehr: Im Oktober 2017 kam Zero als neuste Version, die nicht nur AlphaGo sondern auch seine Vorgängerversion geschlagen hat. Das spannende an Zero ist dabei, dass es zum einem mit einer deutlich schlankeren IT-Infrastruktur auskam, zum anderen im Gegensatz zu seinen Vorgängerversionen keinen dezidierten Erfahrungs-Input von vorherig gespielten Partien bekommen hat. Das System hat gelernt zu lernen. Es kam noch dazu mit völlig neuen Spielzügen, die die Menschheit in Tausenden von Jahren nicht hervorgebracht hat. Dieses proaktive, zunehmend autonome Agieren macht die AI für das Business so interessant. Als Land, das sich als Digital Leader sieht, sollte diese "Digital Hyper Innovation" als Quelle der Inspiration für Wirtschaft und Gesellschaft sehen und nutzen, anstelle sie stereotyp als Gefahr und Job-Killer zu verstehen und abzulehnen.

Abb.1 Geschwindigkeit der Digital Hyper Innovation

Das Beispiel der Digital Hyper Innovation zeigt plastisch, was ein nicht-linearer Trend bedeutet und auf welche Entwicklungen wir uns bereits in 2018 freuen beziehungsweise einstellen dürfen. Um diese Exponentialität noch einmal mit der Schachbrettmetapher zu unterstreichen: Würde man das bekannte Reiskorn-Experiment des indischen König Sheram als Analogie nehmen, das häufig zur Erklärung des Unterschätzens der exponentiellen Entwicklung genutzt wird, ist das Reiskorn der technologischen Entwicklung gerade mal auf dem sechsten Schachbrettfeld angekommen.

Fazit: Wir befinden uns mitten in einer rasanten Reise, deren weitere Entwicklung und Konsequenzen heute niemand valide einschätzen kann. Was kommt nach Industrie 4.0, Big Data und AI? Nur eines ist sicher: Die Entwicklungsgeschwindigkeit von Technologien und Innovationen wird getreu der Exponentialität weiter drastisch ansteigen.
"Wir können doch digital!": Industrie 4.0, Kuka & Co - warum das aber nicht reicht
Natürlich sind die Technologien und Innovationen von Unternehmen wie Kuka - dem Aushängeschild für Industrie-Robotik - beeindruckend. Aber es ist mehr oder weniger die konsequente digitale Verlängerung der deutschen industriellen Ingenieursdenke und des "Made in Germany"-Ideals. Zudem muss gerade das Kuka-Beispiel durch die chinesische Übernahme etwas relativiert werden. Ohne ein wirklich digitales Ökosystem, verharren diese Ansätze auf der Ebene singulärer Technologien und Innovationen.

Die Frage ist, ob Deutschland Spitzentechnologie für eine digitale Ökonomie liefert oder selbst das digitale Ökosystem mitgestaltet und steuert. Gibt es ein Weg mit oder neben den mächtigen Ökosystemen der GAFA-Welt, die von plattformbasierten Geschäftsmodellen geprägt ist. GAFA für Google, Amazon, Facebook und Apple soll hier stellvertretend für mächtigen Quasi-Monopole der digitalen Giganten stehen. Tatsächlich ist das Konstrukt durchaus fluide und erweiterbar, denn auch Unternehmen wie Alibaba, Baidu, Tencent oder auch Zalando sind wichtige Player auf dem Markt. Abb. 2 zeigt die enorme finanzielle Macht der Tech-Giganten und macht den Vergleich den dringenden Nachhol- und Handlungsbedarf von Europa auf.