AI Radar ist die monatliche Kolumne von Jasmin Guthmann zu Agentic AI, Business Transformation und der Zukunft digitaler Wertschöpfung. Mit ihrer langjährigen Erfahrung in Technologie, Transformation und KI gehört sie zu den etablierten Stimmen, wenn es um die Zukunft digitaler Wertschöpfung geht. Im April 2025 erschien ihr Buch If There Is a Will, There Is a Way: Ein kompromissloser Leitfaden, Potenzial freizusetzen, indem man sich auf das konzentriert, was wirklich zählt. Ihre Botschaft: handeln, Verantwortung übernehmen, Haltung zeigen.
In der diva-e Conclusion Kolumne AI Radar teilt sie ihre Erfahrungen aus der Praxis, ordnet aktuelle Entwicklungen ein, hinterfragt Trends und zeigt, was technologische Veränderungen für Unternehmen, Führung und Organisationen bedeuten.
Die Pilotfalle
95 Prozent. So viele Enterprise-KI-Piloten liefern laut der MIT-Studie „The GenAI Divide" von 2025 keinen messbaren Effekt auf das Geschäftsergebnis – und das bei 30 bis 40 Milliarden Dollar Investitionsvolumen.
Spoiler: Die Modelle sind nicht das Problem. Der Zugang auch nicht. Jedes Unternehmen, das es ernst meint, hat heute Lizenzen, Copilots, mindestens einen Chatbot im Intranet. An KI heranzukommen war gestern die Hürde. Wert daraus zu schaffen ist die heutige.
Willkommen im Fegefeuer
„Pilot Purgatory“ – der Begriff beschreibt den Zustand, in dem Unternehmen von einem erfolgreichen Proof of Concept zum nächsten springen, aber kaum ein Projekt den Weg in den produktiven Einsatz findet. Das Fegefeuer der Piloten hat einen Ablauf, den man inzwischen laut mitsprechen kann:
Ein Use Case wird gefunden.
Ein Proof of Concept gebaut.
Die Demo begeistert den Vorstand.
Und dann? Nichts. Der Pilot skaliert nicht, weil die Architektur ihn nicht trägt oder die Datenanbindung eine Katastrophe ist. Weil Prozesse aus 2015 nicht wissen, wohin mit einem Agenten aus 2026. Weil Menschen, die zwanzig Jahre Expertise aufgebaut haben, ungern laut sagen: „Ich weiß nicht, wie das geht.“
Genau da liegt der eigentliche Befund. In jedem zweiten Steering Committee nicken gerade Menschen, wenn „agentische Workflows" auf der Folie stehen. Keiner fragt nach. Alle haben Angst, hinten dran zu sein.
Ein bisschen wie in Des Kaisers neue Kleider: Alle spielen mit, weil niemand der Erste sein will, der sagt: „Ich sehe es nicht.“ Nur dass es diesmal nicht um ein Gewand geht, sondern um milliardenschwere KI-Investitionen.
Es kommt kein Über-Agent
Die bequeme Fantasie: ein Agent, der alle anderen regiert. Ein System, das man kauft, und fertig. Die Realität: Ein Multiversum von Agenten – spezialisiert, verteilt, von verschiedenen Anbietern, auf Basis interoperabler Intelligenz. Wer heute alles auf ein einzelnes Ökosystem setzt, wettet gegen diese Entwicklung.
Heißt das, den alten Tech Stack wegwerfen und neu bauen? Nein. Die Erlaubnis dafür bekommt sowieso niemand. Und das ist auch gut so. Der Kern kann und soll bleiben. Aber: Er muss neu verbunden werden. So, dass er mit Entwicklungen Schritt hält, die wir heute noch gar nicht kennen. Das ist keine Tool-Entscheidung. Das ist eine Architektur-Entscheidung und die Gewinner von morgen treffen sie jetzt. Der Kaiser ist nackt. Die Frage ist, wer es zuerst ausspricht.
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