Technische Schulden gelten in vielen Unternehmen als bekanntes Problem. Dennoch fließen sie selten in Investitionsentscheidungen ein. Der Conclusion Tech Reality Check 2026, eine Erhebung unter IT-Entscheidungsträgern und Führungskräften in vier europäischen Ländern, zeigt diese Lücke deutlich: 60 Prozent der Befragten sehen technische Schulden als Innovationshemmnis, aber nur 18 Prozent berücksichtigen sie bei Investitionsentscheidungen.
Aber was genau fließt in technische Schulden ein? Warum sind sie so schwer zu steuern? Und wie sollten sie in Entscheidungen einbezogen werden? Insights und Antworten liefert dieser Artikel.
Was sind technische Schulden?
Technische Schulden bezeichnen technische Versäumnisse. Sie entstehen, wenn Organisationen technologische Entscheidungen treffen, die kurzfristig zweckmäßig, langfristig aber kostspielig sind. Typische Beispiele sind Altsysteme, die nie ersetzt werden, vorübergehende Lösungen, die dauerhaft bleiben, und aufgeschobene Wartungsarbeiten, die sich Jahr für Jahr ansammeln.
Der Begriff ist eine Analogie zu finanziellen Schulden. Auch technische Schulden verursachen laufende „Zinsen“: Je länger sie bestehen, desto teurer wird ihre Beseitigung. Aber: Sie sind jedoch beherrschbar, wenn sie explizit in Entscheidungen einbezogen werden.
Die Folgen sind zwar sichtbar, aber abstrakt
Technische Schulden können sich in verschiedenen Symptomen zeigen:
langsamen Systeme
steigenden Kosten
Abhängigkeiten
verzögerten Projekte
erhöhte Risiken für Sicherheit und Betrieb
Genau darin liegt ein Teil des Problems: Die Folgen sind real, aber sie lassen sich oft nicht einem einzelnen Budgetposten zuordnen. Dadurch bleiben sie häufig im Hintergrund.
Die Studie beschreibt das so: Die Einschränkung ist bekannt, fließt aber kaum in Entscheidungen ein, die sie tatsächlich reduzieren könnten. Die Schulden wachsen also weiter und bleiben oft lange unbemerkt.
Das Paradoxon: Erkannt, aber nicht eingeplant
Die Zahlen aus dem Tech Reality Check zeigen ein klares Muster:
60 Prozent der Unternehmen sehen technische Schulden als erhebliches oder strukturelles Innovationshemmnis
30 Prozent sind in sehr hohem Maße betroffen, in jedem dritten Unternehmen behindern technische Schulden Innovation aktiv
Nur 18 Prozent berücksichtigen technische Schulden bei Investitions- oder Stilllegungsentscheidungen
Der große Widerspruch: Technische Schulden werden in der Praxis erkannt, aber selten konsequent adressiert.
Warum Kostentransparenz allein nicht reicht
Auf den ersten Blick sind die meisten Unternehmen gut aufgestellt. Laut Studie verfügen 85 Prozent über eine Kostenübersicht auf Basis der Gesamtbetriebskosten (TCO). Der Wert digitaler Lösungen wird jedoch deutlich seltener strukturiert gemessen: Nur 28 Prozent messen ihn systematisch mit klaren KPIs und definierten Messzeitpunkten.
Die Studie fasst das so zusammen: Zu wissen, was etwas kostet, ist das eine. Zu wissen, was es tatsächlich liefert, ist das andere.
Beispiel: In Deutschland geben 71 Prozent einen vollständigen Überblick über die Gesamtbetriebskosten an. Gleichzeitig bleibt laut Befragten ein großer Teil digitaler Potenziale ungenutzt (64 Prozent). Hohe Kostentransparenz führt also nicht automatisch zu besserer Nutzung. Sie legt lediglich offen, dass Defizite sichtbar sind, und ist damit ein Hinweis auf Problembewusstsein, nicht auf Effizienz.
Typische Fehler im Umgang mit technischen Schulden
Fehler 1: Schulden werden erkannt, aber aufgeschoben. Viele Unternehmen wissen, dass strukturelle IT-Maßnahmen nicht ewig warten können. Trotzdem sehen 72 Prozent der Befragten im Aufschieben einen zentralen Kosten- und Risikofaktor.
Fehler 2: Investitionen ohne Blick auf Nutzung und Wert. In 60 Prozent der Unternehmen wird nach Selbsteinschätzung ein großer Teil der digitalen Lösungen kaum genutzt. Unternehmen zahlen damit nicht nur für Technologien, die sie nicht vollständig integrieren, sondern auch für solche, die sie kaum nutzen.
Fehler 3: Entscheidungen auf Annahmen stützen. Ein Teil der Unternehmen misst den Wert nicht systematisch, sondern stützt sich auf Annahmen oder auf politische Faktoren und Präferenzen des Managements.
Welche Faktoren für fundierte Technologieentscheidungen wichtig sind, erfahren Sie hier.
Fünf Schritte, um technische Schulden in Investitionen einzubeziehen
Schulden sichtbar machen. Erfassen Sie, welche Altsysteme, Provisorien und aufgeschobenen Wartungsarbeiten bestehen. Ergänzen Sie die Gesamtbetriebskosten um die Frage, welche Systeme tatsächlich genutzt werden.
Schulden bewerten. Bewerten Sie für jede relevante Position die Auswirkung auf Betrieb, Sicherheit und Innovation sowie die Kosten des Aufschubs. Dieses „Zinsniveau“ entscheidet oft über die Priorität.
Kriterien in Business Cases verankern. Nehmen Sie technische Schulden als festen Bestandteil in jeden Business Case auf. Eine Investition in neue Funktionen sollte prüfen, ob bestehende Schulden sie verteuern oder ausbremsen.
Stilllegungen aktiv prüfen. Überprüfen Sie regelmäßig, welche Systeme sich nicht mehr lohnen.
Regelmäßig überprüfen. Machen Sie technische Schulden zum Thema im Steuerungsrhythmus, zum Beispiel bei Budgetplanung oder Portfolioreviews. Ein einmaliges Audit reicht nicht aus.
Warum die Umsetzung schwerfällt
Technische Schulden sind kein reines IT-Thema. Sie berühren Budgetverantwortung, Unternehmenskultur und die Frage, wer über bestehende Systeme entscheidet. Modernisierungen betreffen in der Regel mehrere Bereiche gleichzeitig: Fachabteilungen, Finanzverantwortliche und IT müssen sich auf Prioritäten einigen. Genau an dieser Schnittstelle entstehen häufig Reibungsverluste.
Die Studie zeigt, dass ein Teil der Entscheidungen von internen politischen Faktoren oder Präferenzen des Managements beeinflusst wird. Das deutet darauf hin, dass Bewertungen allein nicht ausreichen, wenn es keine verbindlichen Kriterien gibt, an denen sich Entscheidungen messen lassen.
Fazit
Der erste wichtige Schritt ist getan: Die technischen Schulden sind erkannt. Jetzt kommt es darauf an, sie auch bei Entscheidungen zu berücksichtigen. Denn obwohl viele Unternehmen wissen, dass technische Altlasten sie ausbremsen, spielen diese bei neuen Investitionen oft nur eine untergeordnete Rolle.
Wer technische Schulden transparent macht, systematisch bewertet und in Business Cases sowie Stilllegungsentscheidungen einbezieht, schafft eine fundierte Grundlage für bessere Investitionsentscheidungen.
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