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B2C  | 23 Jan 2023

Composable Commerce: Ausprägungen eines Trends

Was es bei modernen E-Commerce-Architekturen zu beachten gilt

Porträt von Friedrich Teucher
Friedrich Teuchner

Eins ist klar: Anforderungen an moderne E-Commerce-Systeme und -Architekturen sind vielfältig und es existiert keine One-Fits-All-Lösung, die für jegliche Zielstellung gleichermaßen geeignet ist.
Sowohl die Systemauswahl als auch die Revision der aktuellen E-Commerce-Lösung ist für Unternehmen ein entscheidender Erfolgsfaktor. Wichtig ist hierbei das Zusammenspiel der E-Commerce-Lösungen mit weiteren Systemen wie z. B. einem ERP, CRM, CMS, einer CDP oder CPQ. Auch Lösungen zur Daten- und Prozessintegration müssen hierbei berücksichtigt werden.

„Composable“ ist das Schlüsselwort für eine moderne und flexible Architektur. Aber was genau verbirgt sich dahinter? Welche Ausprägungen der „composable“-Idee gibt es mittlerweile?

Ist nicht alles irgendwie composable?

E-Commerce-Systeme müssen zunehmend flexibel sein. Anbieter heben gerne hervor, dass ihre offerierten Lösungen „composable“ sind und positionieren dies als Evolution von Suite-E-Commerce-Systemen wie z. B. der SAP Commerce Cloud.

„Composable“ als Schlagwort spricht hierbei sowohl Business-Analysten als auch IT-Architekten an. Erstere sehen hier den Wunsch nach inhaltlicher Flexibilität im Sinne eines vielfältigen an- oder abschaltbaren Featuresets erfüllt. Letztere verstehen Modularität bis hin zu einer Microservice-Architektur und Trennung von Backend- und Frontend. Oder allgemeiner: die konsequente Umsetzung der MACH-Prinzipien (Microservice, API-First, Cloud-Native, Headless).

Mit der eingangs angesprochenen Einbindung in bestehende und spezialisierte Systeme sind moderne E-Commerce-Landschaften eine Komposition von Lösungen – also ohnehin composable.

In jedem Fall lohnt sich ein genaues Hinsehen:
  • Welcher Grad an „composable“ Commerce wird vom Anbieter versprochen?

  • Welche Anforderungen hat eine Organisation hinsichtlich der Modularisierbarkeit?

    Im Folgenden werfen wir einen Blick auf unterschiedliche Sichtweisen in Sachen „composable“.

Horizontale und vertikale Modularisierung

Suite-E-Commerce-Systeme wie z. B. SAP Commerce Cloud brechen bewusst die auf den ersten Blick monolithische Architektur auf, u. a. durch die horizontale Trennung:

  • Separierung von Frontend und Backend mittels Omni-Channel-Commerce-APIs

  • definiertes Integrationslayer (Integration Extension Pack)

  • diverse Cockpits, Dashboards, Backoffice, Smart Edit als CMS

  • Platform: Cache, l18N, Rules, Business Processes, Background Processes

 

und vertikale Modularisierung:

  • Accelerators als u. a. branchenspezifische Featurebundles

  • Module der E-Commerce-Funktionen

  • Custom Extensions

  • Custom Microservices als Side-by-Side-Extensibility (SAP Kyma)

Grafik mit bunten KästchenComposable Commerce Building Blocks

Microservice-Architektur

Die zusätzliche Zerlegung typischer E-Commerce-Funktionalitäten wie „Warenkorb“, „Checkout“, „Registrierung“, „Pricing“, „Produktdetails“ oder „Backoffice“ innerhalb des E-Commerce-Systems in einzelne cloud-native Microservices ist eine weitere Ausprägung des „composable“-Gedankens. Eine konsequente Microservice-Architektur kann insbesondere dann von Vorteil sein, wenn verteilte Entwicklerteams gleichzeitig an dedizierten Themen arbeiten und die Zerlegung im Ergebnis zu einer Reduktion der Gesamtkomplexität führt. Häufig ist eine Microservice-Architektur für Kern-E-Commerce-Funktionen daher erst ab einer gewissen Projektgröße lohnend und immer auch gegen Softwaresuitelösungen abzuwägen. Kundenspezifische E-Commerce-Prozesse, Datenstrukturen und Abhängigkeiten weichen in der Regel weniger vom Standard ab und können daher effizient als anpassbares Bundle ausgeliefert werden.

Generell gilt, dass die Aufteilung in Einheiten oder Module die Wartbarkeit eines Systems erhöht. Microservices implementieren die Module anders, jedoch nicht automatisch besser. Die optimale konkrete Architektur nutzt die Stärken beider Ansätze und verwendet z. B. Produktkonfigurations- und Preislogiken oder Personalisierungen (Intelligent Selling Services), welche von dedizierten Cloud-Services bereitgestellt werden. Wohingegen die Shop-Kernfunktionen durch aufeinander abgestimmte Module aus einer Suite-Lösung realisiert werden können, ohne dass sich die ergebenden Abhängigkeiten z. B. zwischen Kunden- und Produktdaten im Warenkorb aufgelöst werden müssen. Sollen Erweiterungen konsequent als Microservice umgesetzt werden, so ist dies z. B. für die SAP Commerce Cloud mit Hilfe der Kyma Runtime auf der SAP Business Technology Platform möglich und von SAP als Side-by-Side-Extensibility positioniert.


Headless Commerce

Ein anhaltender Trend ist, dass Webshops längst nicht mehr nur als eigenständige Anwendung existieren, sondern E-Commerce-Funktionalitäten für Kunden nahtlos in Websites (Content & Commerce) oder Kundenportalanwendungen integriert werden. Hierzu ist erforderlich, dass E-Commerce-Systeme „composable“ sind in dem Sinne, dass das Backend headless integriert wird und die notwendige Interaktion neben der Business-Logik sicherstellen kann. Die SAP Commerce Cloud zum Beispiel bietet hierfür umfangreiche Omnichannel Commerce Connect APIs. Eine darüberhinausgehende Zerlegung in „Composable Commerce“-Microservices ist möglich, allerdings nicht zwingend erforderlich, um das E-Commerce-System erfolgreich im Kundenportal zu integrieren. Der Frontend-Stack kommuniziert über klar definierte und versionierte Schnittstellen, die von einer Microservice-Architektur oder von einer Suite bereitgestellt werden.

Grafik mit bunten Kästchen die eine Architektur aufzeigen

Beispielhafte „composable“ Architektur für ein Kundenportal

Diese Hinwendung zum Headless Commerce wirft die Frage auf: Welche Bestandteile des Systems sollen in sich composable sein? Bei vielen E-Commere-Plattformen bezieht sich die freie Kombinierbarkeit von Bausteinen in erster Linie auf die Backend-Funktionalität, insbesondere, wenn keine eigene Frontend-Applikation angeboten wird. Dies bedeutet, dass Features und Module flexibel an- oder abwählbar sind, dies jedoch im Frontend abzubilden liegt in der Verantwortung der Frontend-Entwicklung.

Einen anderen Weg schlägt derzeit etwa SAP Commerce ein, indem es eine „Composable Storefront“ anbietet, die auf die verfügbaren Shop-Funktionaliäten abgestimmt ist und dabei einen eigenen Mechanismus mitbringt, diese im Frontend zusammenzustellen. Dies ist besonders interessant, wenn die E-Commerce-Funktionaliät nicht in ein Portal oder ein anderes Custom-Frontend eingebunden, sondern als eigenständiger Webshop betrieben wird.

Tiefere Einblicke ins Thema Headless gibt in in unserem Whitepaper Headless-Revolution im Retail.

Fazit

In jedem Fall lohnt sich ein genaues Hinschauen und eine eingehende Analyse:

  • Ist Ihre Organisation bereit für eine konsequente MACH-Architektur?

  • Sind Ihre Anwendungsfälle bereits über eine Suite-E-Commerce-Lösung abgedeckt?

  • Ist die Abbildung als Headless-Architektur ausreichend für Ihre Anforderungen hinsichtlich Skalierbarkeit und Integrationsfähigkeit?

  • Wollen Sie die Transformation zu einer MACH-Architektur in den Mittelpunkt Ihrer Überlegungen stellen?

  • Mit welchem Ansatz können Sie den Kundennutzen Ihrer Customer Experience Platform maximieren und dieses Ziel möglichst schnell erreichen?



Unterschiedliche E-Commerce-Lösungen bieten ein unterschiedliches Maß an "composability". Individuell anpassbar sind sie alle. Es gilt, für Ihre Ansprüche die richtige Balance aus optimal aufeinander abgestimmten Suite-Bausteinen und spezialisierten Zusatz-Komponenten zu finden. Wir beraten Sie gern zu Ihren individuellen Möglichkeiten.

Porträt von Friedrich Teucher

Friedrich Teuchner

Friedrich Teucher berät als Manager SAP Solutions und SAP Consultant unsere Kunden im Bereich Customer Experience insb. hinsichtlich Integrationsarchitektur und Schnittstellen. Er kann dabei auf 10+ Jahre Erfahrung im Bereich Vertriebprozesse sowie deren end-to-end Abbildung mittels SAP ERP, CRM, CPQ und E-Commerce zurückgreifen. 

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